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  • Massenproteste im Juni 2013, lautstarke Kritik im Vorfeld und während der Fußball-Weltmeisterschaft der Männer: Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff schien in letzter Zeit nicht gerade beliebt zu sein. Trotz alledem sah es lange danach aus, dass sie die anstehende Präsidentschaftswahl am 5. Oktober 2014 aller Wahrscheinlichkeit nach erneut gewinnen würde, da es schlicht an starken GegenkandidatInnen mangelte.

    Diese Wahrscheinlichkeit geriet in den letzten Wochen ins Wanken: Nachdem am 13. August der Präsidentschaftskandidat der linksliberalen Partei PSB, Eduardo Campos, bei einem Flugzeugabsturz gestorben war, wurde die populäre Politikerin Marina Silva zur PSB-Kandidatin gekürt. Sie hatte bisher als Campos’ Vizepräsidentin kandidiert und holte in den Umfragen innerhalb kurzer Zeit gegenüber Dilma Rousseff auf. Mittlerweile muss Rousseff ernsthaft um ihren Sieg bangen – manchen Umfragen zufolge könnte Silva bei einer Stichwahl gegen Rousseff siegen. Aécio Neves von der rechten PSDB – bisher Rousseffs aussichtsreichster Gegner – folgt in den Umfragen weit abgeschlagen auf Platz 3.

    Von der Umweltschützerin zur Neoliberalen

    Marina Silva hat eine lange und wechselvolle Geschichte innerhalb der brasilianischen Politik, aber auch in den Umweltbewegungen des Landes hinter sich. In den 1980er Jahren kämpfte sie an der Seite des berühmten, 1988 ermordeten Gewerkschafters Chico Mendes für die Rechte der LandarbeiterInnen und für mehr Umweltschutz im Amazonasgebiet. Später trat sie der PT bei und wurde 2003 Umweltministerin im Kabinett von Rousseffs Vorgänger Lula. Diesen Posten gab sie 2008 enttäuscht auf, da sie nicht mehr als »ökologisches Feigenblatt« der vor allem auf Wirtschaftswachstum ausgerichteten Lula-Regierung fungieren wollte. Sie wechselte in die Grüne Partei und erzielte 2010 als deren Präsidentschaftskandidatin ein überraschend gutes Ergebnis. Bei brasilianischen Linken stößt die Umweltschützerin dennoch auf relativ breite Ablehnung. Die Kritik entzündet sich vor allem an ihren konservativen familienpolitischen Werten und an ihrem neoliberal ausgerichteten wirtschaftspolitischen Programm. Nachdem das PSB-Programm ursprünglich für homosexuelle Paare das Recht auf Heirat und Adoption vorgesehen hatte und sich dafür aussprach, dass Homophobie im gleichen Maß wie Rassismus bestraft werden sollte, stellte Marina Silva dies einen Tag nach Veröffentlichung des Programms wieder in Frage.

    Silva, die selbst Mitglied der evangelikal-pietistischen Kirche Assembleia de Deus ist, beugte sich damit dem Proteststurm aus religiös-konservativen Kreisen. Zum Thema Abtreibung äußert sie sich aktuell recht vage; berühmt-berüchtigt ist ihre Aussage aus früheren Zeiten, per Volksabstimmung über das Recht auf Abtreibung entscheiden lassen zu wollen.

    Wirtschaftspolitisch tritt sie für eine stärkere Autonomie der Zentralbank ein – eine klassisch neoliberale Forderung, durch welche die Währungspolitik der politischen Sphäre entzogen werden soll – und fordert eine Reduzierung öffentlicher Ausgaben; manche BeobachterInnen schätzen ihr Wirtschaftsprogramm als noch konservativer ein als das des PSDB-Kandidaten Neves. Beraten wird sie dabei von dem Ökonomen Eduardo Giannetti, der als Vertreter eines radikalen Neoliberalismus gilt.

    Entsprechend kommt die Unterstützung für Silva mittlerweile vor allem aus dem rechten Lager – was aber dennoch ein wenig überrascht angesichts ihrer Geschichte als Umweltschützerin, die sich früher stets gegen Großprojekte und Agroindustrie einsetzte. Nach Einschätzung des portugiesischen Soziologen Boaventura de Sousa Santos ist Marina Silva für die politische Rechte schlicht ein »notwendiger Umweg«, um die regierende PT zu stürzen. Andere KritikerInnen sehen sie mittlerweile eher als Vertreterin eines Ökokapitalismus, von der sich die Privatwirtschaft nicht zuletzt Investitionen in eine »green economy« erhofft.

    Vertreterin einer »neuen Politik«?

    Letztlich ist Silvas Programm aber einfach noch nicht gut einschätzbar – auch aufgrund der diversen inhaltlichen Wendungen und Parteiwechsel, die sie im Verlauf ihrer Politikkarriere vollzogen hat. Sie selbst präsentiert sich heute gerne als Vertreterin einer »neuen Politik«, die jenseits etablierter Parteien einen dritten Weg beschreiten wolle. Dabei profitiert sie davon, dass in den letzten 20 Jahren jeweils PT oder PSDB das Land regierten und sie somit nicht mit deren althergebrachten Strukturen in Verbindung gebracht wird.

    Entsprechend fühlt sich nicht zuletzt ein beträchtlicher Teil derjenigen WählerInnen von Silva angesprochen, die im Juni 2013 auf die Straße gingen. Bei vielen der jungen und zuvor kaum politisierten Protestierenden war die Rede von einer Überwindung des Rechts-Links-Schemas sehr populär – ähnlich, wie sich dies etwa bei der Occupy-Bewegung beobachten ließ. Die Rede von einer »neuen Politik«, die »alles anders machen« werde, stößt bei dieser Gruppe ebenso auf offene Ohren wie bei Teilen der »neuen Rechten« und bei denjenigen, die sich als »unpolitisch« definieren.

    Doch auch Teile der traditionellen Linken sympathisieren mit Silva – z.B. VertreterInnen der linken Partei PSOL, die 2004 als Abspaltung der PT entstand, oder der Politologe Luiz Eduardo Soares, der für seine kritischen Arbeiten zu öffentlicher Sicherheit bekannt ist. Dies speist sich bei ihnen vor allem aus der extremen Enttäuschung über die regierende Arbeiterpartei, in die viele Linke zu Beginn von Lulas Präsidentschaft (2003-2010) noch große Hoffnungen gesetzt hatten. Im Verlauf ihrer Regierungszeit entfernte sich die PT – die früher sehr enge Verbindungen zu den linken sozialen Bewegungen hatte – immer mehr von dieser Basis und verfolgte eine zunehmend unternehmerfreundliche Politik.

    Die Frage, wie sich historisch eng mit der PT verbundene Organisationen wie der Gewerkschaftsdachverband CUT oder die Landlosenbewegung MST zu der nun regierenden Partei verhalten sollten, stellte diese Gruppen vor interne Zerreißproben. Letztlich gewannen die realpolitischen Strömungen die Oberhand, weshalb die PT mit der Zeit fast alle relevanten linken Großorganisationen kooptieren konnte und diese heute weiterhin Rousseff unterstützen.

    Auch verschiedene linke Zeitungen wie Carta Maior oder Brasil de Fato halten der PT die Treue und fahren eine regelrechte Kampagne gegen Silva – wobei sie anscheinend übersehen, dass auch Dilma Rousseff etwa die Privatisierung öffentlicher Güter vorangetrieben hat oder im Bereich der LGBT-Rechte eine ähnlich konservative Haltung wie Marina Silva einnimmt und sich in ihrer Amtszeit wiederholt dem Druck evangelikaler Gruppen beugte.

    Für eher linksradikal und außerparlamentarisch orientierte AktivistInnen ist das grundlegende Problem daher vielmehr, dass es an einer wirklichen linken Alternative mangelt, wie der Blogger Tsavkko schreibt: Es sei letztlich egal, ob Rousseff oder Silva die Wahl gewinne, da sie im Grunde beide für dasselbe Wirtschafts- und Entwicklungsmodell stünden. Mit Silva würde man lediglich das bekannte Schlechte (Rousseff) gegen das Unbekannte eintauschen. Eine Niederlage von Rousseff könne jedoch – aufgrund der erwähnten Befriedung durch die PT – womöglich zumindest ein Impuls dafür sein, dass die Linke sich neu erfindet und reorganisiert.

    (Erschienen in: ak – analyse & kritik Nr. 597 vom 16.09.2014)

  • ak-Extra_Titel»Brasilien begeht geradezu ein Verbrechen gegen sich selbst, indem es die WM auf diese Weise organisiert.« Diese Ansicht von Juca Kfouri, Brasiliens führendem Fußballjournalisten, teilen viele BrasilianerInnen und gehen daher seit Monaten landesweit auf die Straße. Pünktlich zum Anpfiff gibt ak eine kostenlose Extra-Ausgabe heraus. Sie beschäftigt sich mit den sozialen Folgen der Fußball-WM und dem Widerstand im Gastgeberland, geht dem Mythos von der Fußballnation Brasilien auf den Grund und fragt, wie Fußball jenseits der FIFA-Misere gelebt werden könnte. Das Extra steht hier zum Download bereit und kann unter vertrieb [at] akweb [punkt] de bestellt werden – auf dass ihr es zu allen möglichen Fußball-, Public-Viewing- oder Sportabstinenz-Gelegenheiten schleppt und dort verteilt!

  • Rio de Janeiro wird nicht nur einer der WM-Spielorte sein, sondern beherbergt 2016 auch die Olympischen Spiele. Deshalb sind die Auswirkungen der Sport-Großereignisse hier besonders stark zu spüren. Der Widerstand organisiert sich unter anderem in lokalen Basiskomitees, in denen sich soziale Bewegungen, NGOs, akademische Institutionen sowie von Zwangsräumungen Betroffene zusammenschließen. ak sprach mit Carla Hirt, Aktivistin im Basiskomitee von Rio de Janeiro, über die Ausschlüsse, die das aktuell durchgesetzte Stadtmodell produziert, und über die negativen Auswirkungen von WM und Olympia.
    Rio de Janeiro erlebt zur Zeit eine massive städtische Umstrukturierung, die mit den Sport-Großereignissen – WM 2014 und Olympia 2016 – gerechtfertigt wird. Was sind die wesentlichen Konsequenzen dieser Umstrukturierung?

    Carla Hirt: Das zentrale Ziel der Megaevents, wie sie aktuell durchgeführt werden, ist nicht, den Sport und den Wettkampf zu feiern. Die Priorität dieses Eventmodells liegt vielmehr auf der Immobilienspekulation in den Städten, in denen die Spiele stattfinden. In ganz Brasilien findet derzeit in vielen Städten eine sogenannte »Revitalisierung« statt. Anders als es die offizielle Rhetorik besagt, sind diese Baumaßnahmen nicht dazu da, das Leben der Bevölkerung zu verbessern. Vielmehr geht es darum, die Interessen der Immobilienspekulation zu erfüllen, was die Gentrifizierung und elitäre Ausrichtung ganzer Innenstädte zur Folge hat. Die Lebenshaltungskosten in der Stadt werden für große Teile der Bevölkerung untragbar. Rio de Janeiro ist zu einer Ware geworden. Anstatt die Stadt so zu organisieren, dass möglichst viele Menschen Zugang zu ihr haben, wird sie so umstrukturiert, dass sie sich möglichst gut an die Wohlhabenden verkaufen lässt. So wird aktuell das Hafenareal von Rio de Janeiro umgebaut, 2016 soll sich dort das Olympia-Medienzentrum befinden. Mit dieser Begründung wurden viele Familien aus ihren Häusern vertrieben. Auch der Straßenbau konzentriert sich auf Gebiete, die für den Großteil der Bevölkerung keineswegs vordringlich sind, sondern in erster Linie auf Neubaugebiete, in denen große Bauunternehmen bewachte Luxuswohnanlagen planen. Die Immobilienspekulanten, die davon profitieren, gehören häufig zu den größten Geldgebern für Wahlkampagnen.

    Weiterlesen in ak – analyse & kritik Nr. 595, die heute erscheint…

    Übrigens: Carla Hirt wird beim 36. BUKO-Kongress in Leipzig (29.5.-1.6.2014) über die Kämpfe für ein Recht auf Stadt in Rio de Janeiro berichten.

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    Der Journalist Inoussa Maiga kennt die Probleme und Herausforderungen kleinbäuerlicher Landwirtschaft in Burkina Faso. In diesem Interview berichtet er über die Aktivitäten der […]

  • Brasilien_brasildefato1_2»Hier wohnt ein Folterer!«, steht auf eine Hauswand gesprüht. Ein Plakat warnt: »Gib acht, Nachbar, in deinem Viertel wohnt ein Gerichtsmediziner der Militärdiktatur!« Begleitet durch öffentlichkeitswirksame Aktionen machen so vor allem junge Leute in Brasilien den Wohnort von Ex-Militärs öffentlich und prangern die Straflosigkeit für deren Taten an. Die Aktionsform orientiert sich an Outings von Tätern der Militärdiktaturen in Argentinien und Chile und wird als »escracho« bezeichnet. Die AktivistInnen fordern damit eine Aufarbeitung und Verurteilung der Verbrechen, die während der brasilianischen Militärdiktatur (1964–1985) begangen wurden und erklären: »Solange es keine Gerechtigkeit gibt, gibt es ›escrachos‹!«

    Am 31. März 2014 jährt sich der Militärputsch gegen den damaligen Präsidenten João Goulart zum 50. Mal. Goulart hatte eine Agrarreform geplant, gewerkschaftliche Rechte erweitert und eine Verstaatlichung bestimmter Wirtschaftszweige angestrebt – und war den USA und den liberal-konservativen Kräften Brasiliens damit ein Dorn im Auge. Der Putsch war der Beginn einer über 20 Jahre dauernden Diktatur, die geprägt war von Repression, Folter und dem »Verschwindenlassen« politischer GegnerInnen. Im Vergleich zu manchen anderen Militärdiktaturen Lateinamerikas fielen die Opferzahlen in Brasilien zwar deutlich geringer aus, und härtere Formen der Repression wie das Töten und Verschwindenlassen von Personen waren seltener. (Siehe Kasten)

    Dennoch war das Regime keineswegs »harmlos«, wie manche konservative HistorikerInnen noch heute behaupten. Berühmt-berüchtigt ist der sogenannte Institutionelle Akt Nummer Fünf (AI-5) aus dem Jahr 1968. Dieses Dekret ermöglichte es dem Präsidenten unter anderem, den Kongress aufzulösen, Beamte (also auch Abgeordnete) jederzeit in den Ruhestand zu versetzen und die politischen Rechte jedeR einzelnen BürgerIn aufzuheben. Der AI-5 leitete die repressivste Phase der Militärdiktatur ein, die als die »Bleiernen Jahre« bezeichnet wird (1969–1974) und mit der Regierungszeit von Emílio Médici zusammenfiel. Anders als in Ländern wie Chile oder Paraguay, wo mit Pinochet und Stroessner ein einzelner Diktator herrschte, wechselten sich in Brasilien verschiedene Generäle als Präsidenten ab.

    Ein Amnestiegesetz schützt die TäterInnen

    Mitte der 1970er Jahre begann das Wirtschaftswachstum nachzulassen. Zudem nahm die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit dem Regime zu. Es gab massive Streiks und Forderungen nach einer Amnestie für ins Exil geflüchtete Oppositionelle. Angesichts dessen entschied sich Präsident Ernesto Geisel, einen kontrollierten Übergang einzuleiten – eine »langsame, allmähliche und sichere« politische Öffnung in Richtung einer demokratischen Ordnung, wie sie seit langem versprochen und immer wieder verschoben worden war.

    Ähnlich wie schon der Übergang von der Kolonialzeit zur Unabhängigkeit im Jahr 1822 wurde also auch dieser Übergang in Brasilien stark »von oben« und im Sinne der herrschenden Eliten gestaltet und nur sehr schrittweise vollzogen. Die von der Opposition geforderte Amnestie mündete dabei paradoxerweise in ein Amnestiegesetz, das auch die Angehörigen des Regimes davor schützte, für ihre Verbrechen angeklagt zu werden.

    Trotz massiver Demonstrationen wurde die Forderung nach direkten Präsidentschaftswahlen (»diretas já!«) zunächst nicht umgesetzt. Stattdessen wählte 1985 das Parlament den ersten zivilen Präsidenten seit 1964. Erst 1990 fanden die ersten demokratischen Direktwahlen statt. Noch in der Verfassungsgebenden Versammlung von 1988 spielten Generäle eine entscheidende Rolle, und bis heute verfügt das Militär über viel Autonomie und Einfluss. (1)

    Eine Aufarbeitung der Militärdiktatur ließ daher auch im demokratischen Brasilien auf sich warten. Juristisch wird diese weiterhin durch das Amnestiegesetz verhindert. Obwohl der Interamerikanische Gerichtshof Brasilien mehrfach aufgefordert hat, das Gesetz zu kippen, bestätigte der Oberste Gerichtshof Brasiliens dessen Verfassungskonformität im Jahr 2012 erneut. Damit ist Brasilien eines der letzten südamerikanischen Länder, das sich der strafrechtlichen Aufarbeitung seiner Militärdiktatur noch nicht gestellt hat. (2)

    Wahrheitskommission: mehr als symbolische Erfolge?

    Immerhin kommt in den letzten Jahren Bewegung in die Sache und das Thema gewinnt an öffentlicher Aufmerksamkeit. 2011 richtete Präsidentin Dilma Rousseff schließlich eine nationale Wahrheitskommission ein, die im Mai 2012 ihre Arbeit aufnahm. Vor dem Hintergrund des Amnestiegesetzes sind von der Wahrheitskommission allerdings primär symbolische Erfolge zu erwarten. Zudem hat Rousseff den Untersuchungszeitraum der Kommission auf zwei Jahre beschränkt; Ziel ist lediglich die Veröffentlichung eines Berichts, nicht die Erhebung von Anklagen. Dem brasilianischen Journalisten Bernardo Kucinski zufolge wäre daher das beste zu erhoffende Ergebnis, dass die Kommission eine Änderung des Amnestiegesetzes empfiehlt, um eine juristische Aufarbeitung erst zu ermöglichen. Ob diese Empfehlung dann umgesetzt würde, ist allerdings ebenfalls zweifelhaft. (3)

    Dass Brasiliens Wahrheitskommission so spät kommt und mit einem so schwachen Mandat ausgestattet ist, liegt für Kucinski an der »unangefochtenen Hegemonie des brasilianischen Machtblocks«, bestehend aus GroßgrundbesitzerInnen, Finanzkapital und (multinationalen) Konzernen. Schließlich herrschten für sie unter der Militärdiktatur gute Bedingungen: Aufgrund der Repression gab es eine relativ hohe politische Stabilität und durch die Ausschaltung der Gewerkschaften drohten keine Arbeitskämpfe.

    Davon profitierten nicht zuletzt auch deutsche Unternehmen wie etwa die brasilianische VW-Tochter Volkswagen do Brasil. Die Kritik an der Militärdiktatur wischte der damalige Vorstandsvorsitzende der Volkswagen AG, Rudolf Leidig, im Jahr 1974 mit rassistischen Argumenten weg: »Die Tatsache, dass hier in Europa gelegentlich Kritik gegenüber dem [brasilianischen] System laut wird, beruht sicherlich darauf, dass man hier nicht die nötige Einsicht und Kenntnis über das Land besitzt. (…) Der Brasilianer besitzt eine andere Mentalität als der Deutsche und Europäer. Er nennt eine glückliche Mentalität sein Eigen (…). Er ist nicht neidisch und mit seinem Los zufrieden«. (4)

    Deutsch-brasilianische Zusammenarbeit

    Auch die sozial-liberalen Regierungen der BRD kooperierten gerne mit dem autoritären Regime und hielten sich mit Kritik an dessen Menschenrechtsverletzungen zurück. Höhepunkt der Zusammenarbeit war die Unterzeichnung des bis heute gültigen deutsch-brasilianischen Atomvertrags im Jahr 1975. (Siehe ak 589)

    Allerdings gab es nicht nur auf Regierungsebene eine enge Zusammenarbeit: Soziale Bewegungen, Solidaritäts- und Kirchengruppen organisierten vielfältige Unterstützung für brasilianische Oppositionelle, die in die BRD flüchteten. An diese historischen Verbindungen anknüpfend hat sich nun eine Initiative deutscher und brasilianischer AktivistInnen und JournalistInnen zusammengefunden. Unter dem Motto »nunca mais« (nie wieder) erinnert sie an die Opfer der Militärdiktatur und fordert eine gesellschaftliche sowie juristische Aufarbeitung ein – besser spät als nie.

    Anmerkungen:

    1) Iasmin Goes: Zwischen Wahrheit und Amnesie. Die schwierige Aufarbeitung der Militärdiktatur in Brasilien. Ibero-Analysen Heft 25, Dezember 2012.

    2) Christian Russau: Hat Volkswagen do Brasil die brasilianische Militärdiktatur unterstützt? blogs.taz.de/latinorama, 4.2.2014.

    3) Bernardo Kucinski: Mit der Wahrheit nicht so genau. Südlink 167, März 2014.

    4) Luiz Ramalho: Opposition und Opportunismus. Brasilicum 232, März 2014.

    (Erschienen in ak – analyse & kritik Nr. 592 vom 18.03.2014)

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